10 | Argumentative*r Alleinherrscher*in

Wenn ich ein Buch lese, halte ich dieses in beiden Händen auf Höhe meines Schoßes und mein Blick ist nach unten gerichtet. Wenn ich in mein Handy schaue, ist meine Position in etwa dieselbe.

Schaue ich in mein Handy, bekomme ich laut Handygegner*innen schon sehr bald, quasi jeden Augenblick, einen sogenannten Handynacken, der mich für die Abhängigkeit von diesem kleinen Gerät später bitterlich bestrafen wird. Der gekrümmte Nacken, der für das Lesen eines Buches, einer Zeitschrift oder einer Zeitung notwendig ist, wird im Gespräch unter Freunden*innen und in den sozialen Medien dagegen nicht alle 7,35 Minuten kritisiert. Im Regelfall sind es Aufshandyschauer*innen, die als gesellschaftliche Verlier*innen abgewertet werden, nicht Buchleser*innen.

Aber was passiert eigentlich, wenn jemand mit seinem Handy Nachrichten – die ja im Allgemeinen eher als Bildung denn als Schund gelten – liest? Oder jemand liest ein Buch über die Kandidaten von Deutschland sucht den Superstar, eine Show, deren Niveaulosigkeit unumstritten ist? Ist er*sie dann trotzdem ein Held, weil er ja ein Buch – quasi der Ausdruck von Intelligenz -, in den Händen hält?

Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie Leute, welche Bildschirmstarrer*innen pauschal kritisieren, aufgrund der geistigen Erschöpfung, die diese komplexen Gedankengänge in ihnen hervorrufen, umhertaukeln, ja fast zu Boden stürzen. So viel Komplexität haben sie nicht erwartet, als sie ihre einseitigen Gedankentropfen in den Öffentlichen-Diskurs-Brei mischten und sich dabei irre klug vorkamen.

Die Früher-war-alles-besser-Fraktion hat sich hier wohl nur einen Miniausschnitt der Realität angesehen. Was sie selbstverständlich nicht daran gehindert hat, eine allgemeingültige Pauschalisierung zu formulieren, die sie dann auch gerne jedem*r, der*die nicht danach gefragt hat, in der Extended Version vorträgt. Manchmal wünschte ich mir auch, ich könnte derart kurzsichtig sein. Einfach einen bestimmten Ausschnitt – nämlich jenen, der meine aktuelle Aussage gerade stützt – fokussieren und alles andere ausblenden. So wird auch das gemeinste Gegenargument, welches die eigene Logik innerhalb von Sekunden als nicht haltbar enttarnen würde, einfach unscharf gestellt und verschwindet im Hintergrund. Und so, ohne die Brille der Weitsicht, avancieren mundstarke Möchtegernmenschen zu argumentativen Alleinherrscher*innen ihrer kleinen, beschränkten Welt und fühlen sich schlau. Ihre Eindimensionalität nehmen sie dabei nicht wahr. Aber hey – Hauptsache sie haben sich kritisch geäußert.

(Beitragsbild: www.pravda-tv.com) 

 

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2 Gedanken zu “10 | Argumentative*r Alleinherrscher*in

  1. Ich war früher so naiv, zu glauben, die ganzen Smartphone-Schauer im Bus würden irgendwie arbeiten oder was recherchieren oder so. Es hat Jahre gedauert, bis ich merkte, dass sie größtenteils nur daddeln. Da komme ich mir inzwischen mit meinem WordPress und meinen Nachrichten-Apps richtig intellektuell vor.

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