08 | Die Beschäftigungstherapie des Terrors 

Die meisten von uns haben – entweder zu Schulzeiten oder während des Studiums – schon einmal eine schriftliche Arbeit verfasst, die einen Bearbeitungszeitraum von mehreren Wochen oder Monaten umfasste.  In meinem Fall waren das eine Bachelorarbeit (2 Monate), eine Masterarbeit (5 Monate) sowie derzeit eine Doktorarbeit (∞ Monate).

Während ich also in meiner Masterarbeit sprachwissenschaftliche Thesen zu veri- bzw. falsifizieren versuchte, verführte mich einerseits der Wunsch, das Studium endlich zu beenden, zu einem schnelleren Tempo. Auf der anderen Seite stellte die Abschlussarbeit meines Masterstudiums eine übergeordnete, große Herausforderung dar, die mein Gesamtgedankengut tage- oder wochenlang  in Beschlag nahm. In diesen Phasen verließen meinen Gedanken das linguistische Labor in meinem Kopf nur selten; andere Synapsen in meinem Gehirn lagen dagegen gelangweilt in der Ecke herum und erzürnten sich ob ihrer Nichtverwendung. Tatsächlich fühlte ich mich von einer beglückenden intrinsischen Motivation derart stimuliert hat, dass andere Dinge völlig nebensächlich wurden.

Als das Masterwerk schließlich gebunden und im Prüfungsamt eingereicht war, ging ich erschöpft nach Hause. Und neben der Erleichterung und Freude darüber, 94 Seiten voller Ergüsse zu einer damals aktuellen linguistischen Fragestellung fristgerecht eingereicht zu haben, legte sich auch ein Angstschleier über meine Augen. Denn die Routine, die ich  für mich etabliert hatte, der Rhythmus, an den ich mich über 5 Monate lang gewöhnt hatte, fielen plötzlich weg. Schon wenige Tage nach der Abgabe vermisste ich die die konzentrierte und interessierte Beschäftigung mit einem mir lieb gewonnenen Thema. Zum ersten Mal seit Monaten war nun Zeit zum Zweifeln da: Was mache ich eigentlich nach dem Masterstudium?

Fast jeder von uns kennt den Moment, in dem eine studiums- oder arbeitsbezogene Aufgabe, die den gesamten Kopf auf Trab gehalten hat, schlagartig wegfällt. Sobald die Glocken der Freiheit erklingen, weiß man zunächst nicht, was man mit der neuen Ungebundenheit genau anfangen soll. Aus diesem Grund sucht wohl der Hobbyrenovierer, noch während er die letzten Pinselstriche auf der eben renovierten Wand zieht, bereits im Bauhaus-Katalog nach einer neuen Schiebetür für das Zimmer nebenan, sodass seine Psyche der projektfreien Zeit elegant ausweichen kann. Eine harmlose Art der Beschäftigungstherapie.

Seit den Terroranschlägen in Paris am 13. November berichten die Medien wieder verstärkt darüber, dass sich viele Jugendliche, auch aus Europa, dem sogenannten „Islamischen Staat“ anschließen. Bisherige Ausschnitte aus dem Leben dieser Wahlterroristen zeigen, dass die Bühne, auf der sich ihre persönlichen Geschichten abspielen, häufig sämtlicher Darsteller wie auch Requisiten entbehrt. Nicht selten stehen sie ohne Schirm im strömenden Regen, sodass die Tropfen der sozialen Ungerechtigkeit sie bis auf die Knochen durchnässen. An einen sozialen Aufstieg ist nicht zu denken. Und so schreibt sich der große runde R-Bogen in Radikalisierung in ihrem Lebensweg fast von alleine.

In Syrien und Irak schnitzen also die Krieger des sogenannten „Islamischen Staates“ mit blutigem Werkzeug an einem Gotteststaat. Ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Ziel, unter religiösem Vorwand eine für sie angenehmere Zukunft zu gestalten. Im Kontakt zu Gleichgesinnten erfahren die Außenseiter erstmals Zugehörigkeit und Sinnhaftigkeit.

Nicht, dass es wahrscheinlich ist, dass der sogenannte „Islamische Staat“ sein Ziel je erreichen wird. Doch selbst wenn: In dem Falle wären die europäischen Aussteiger, die sich dem „IS“ angeschlossen haben, wohl sehr überrascht. Denn die Freude über das Vollbrachte hielte nicht lange an. Im Gegenteil: Bereits an Tag eins eines tatsächlichen islamischen Staates würden diese verlorenen Seelen mit einem Mal den vollen Schmerz ihrer jämmerlichen Existenz spüren und in eine tiefe Orientierungslosigkeit verfallen. Sie würden feststellen, dass es weiterhin niemanden gäbe, der eine echte Art von Zuneigung für sie empfindet. Negative Erfahrungen, in ihrem Selbstwert als Demütigungen verbucht, könnte ihre Psyche nicht plötzlich mit Ersatzerfahrungen überschreiben; und auch die alten Versagensängste würden wieder dazu führen, dass sie nachts nicht schlafen können.

Spätestens dann dürfte den gewalttätigen Gefühlsvermeidern klar werden, dass die Zukunft die Vergangenheit nicht ändern kann und ihr Leben nach wie vor von Leere beherrscht wird. Sie würden in einen erneuten Zustand totaler Sinnlosigkeit zurückfallen. Mit dem Unterschied, dass es jetzt kein bombastischeres, abenteuerreicheres Projekt mehr gäbe, dem sie sich anschließen und mit dem sie ihr Innenleben noch einmal narkotisieren könnten. Das vermeintliche Paradies, für das sie jahrelang gekämpft haben, wäre für sie ein emotionales Inferno.

Denn es interessiert den Großteil der radikalisierten Europäer nicht, ob in besagtem Kalifat später die Scharia gilt oder nicht, ob ein salafistischer Islam ausgeübt wird oder nicht. Viele von ihnen waren vor der Radikalisierung weder gläubig noch religiös und dass ihre nun vermeintlich religiösen Motive auf echtem Glauben fußen, ist unwahrscheinlich. Was sie in die Arme der Radikalisierer trieb, waren einfache menschliche Sehnsüchte nach Nähe und Zugehörigkeit sowie eine Beschäftigung, die es ihnen erlaubt, sich nicht einmal für einen einzigen Moment mit ihrem bedeutungslosen Leben auseinandersetzen zu müssen. Die Teilnahme am Terror ist für sie schlichtweg Ablenkung von der eigenen Erbärmlichkeit. Eine blutige Beschäftigungstherapie. Ohne eine solche größenwahnsinnige Ablenkung, einen Kick, das Gefühl zur Abwechslung auch einmal die Hebel in der Hand zu halten, wäre den feigen Versagern die Langeweile, die sie bisher in ihrem belanglosen Leben erfahren haben, bereits wie ein Blutgerinnsel in den Brustkorb gestiegen und hätte diesen schmerzvoll zum Explodieren gebracht.

Die als Gläubige verkleideten verbringen also ihre Lebenszeit damit, ein Tier zu schlachten und zu kochen, von dem sie wissen, dass ihnen das Fleisch am Ende nicht schmecken wird. Mit einem „edlen“ und „mutigen“ Kämpfer – für die sie sich selber halten – hat dies nichts zu tun. Es ist schlichtweg ein last resort. Etwas, das ihrem Wunsch diesem Leben zu entkommen noch einmal ein Oomph! verleiht. Es beschert ihnen ein letztes Moment der Überraschung: Ha, das hättet ihr nicht gedacht, dass ich solche Taten vollbringen kann, ne?

In dem Moment, in dem diese Feiglinge ihren Sprengstoffgürtel zünden, umkreisen ihre Gedanken keine religiöse Ideologie, für die es sich ihrer Meinung nach zu Sterben lohnt. Im Gegenteil: Plötzlich sehen sie sich noch einmal kurz als 4-Jährige auf dem Schoß ihres Vaters, während dieser ihnen aus einem Buch vorliest, bevor schließlich alles dunkel wird. Denn ein Mund, der ein Ha-das-hättet-ihr-nicht-gedacht-dass-ich-solche-Taten-vollbringen-kann ausspricht, spricht ganz sicher nicht zu einem Gott, sondern zu den Leuten, an denen er sich zu rächen gedenkt.

(Bild: http://www.pro-medienmagazin.de/typo3temp/_processed_/csm_41870_ 41871_fb222c1a6e.jpg)

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2 Gedanken zu “08 | Die Beschäftigungstherapie des Terrors 

  1. Wie oft habe ich die letzten Jahre ähnliche Gedanken gehabt. Diese Frage: Was kommt danach? Selbst, wenn es den Terroristen gelänge, die ganze Welt unter ihre Herrschaft zu unterwerfen, müssten sie sich spätestens dann mit dieser Frage konfrontieren. Denn ihr ganzes Streben besteht ja darin, Krieg zu führen, um die innere Leere zu füllen. Weiter führen die Gedanken dieser Menschen ja nicht. Frieden ist ja keine Option, weil sie dann sich und ihre Taten ja reflektieren müssten.
    Toller Text! Viele Grüße

    http://www.stillerevolution.blogspot.com

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    • Danke!

      Ich finds auch unfassbar, dass man sogar Leute, die eigentlich gar nichts mit Religion und Glauben zu tun haben, für solche kranken Projekte begeistern kann. Wie belanglos muss man sich fühlen, wie hoffnungslos muss man sein, dass man es nicht mehr aushält auch nur eine Minute über sein Leben nachdenken zu können ohne völlig zu verzweifeln? Da kommt doch so ein lebenswichtiger Terroreinsatz wie gerufen… Man bereitet vor, man zieht von dannen und alles ist so hektisch und gefährlich, dass man zum Glück keine Zeit mehr hat, darüber nachzudenken, was für ein beschissenes, unerfülltes Leben man bisher eigentlich gehabt hat… . Gesündere erreichen das – in wesentlich kleinerem und unefährlicherem Maße – durch Arbeits- und Erfolgssucht und die kranken Individuen unserer Gesellschaft schließen sich einer Terrormiliz an.

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