07 | Linguistisches Lament #1

Ob wir nun deswegen Konfetti und Lametta in die Luft schmeißen und diesen Umstand feiern oder nicht – wir übernehmen englische Verben ins Deutsche. Und sofern wir das Sprechen und Schreiben nicht vollständig aufgeben, weil wir nur noch hellblaue Gefällt-mir– oder TeilenButtons drücken, sind wir gezwungen, diese irgendwann der deutschen Grammatik entsprechend zu konjugieren. Wir jogg-en (das englische Äquivalent ist we jog – natürlich ohne -en für die 1. Person Plural). Im Genitiv erhalten aus dem Englischen übernommene Substantive ein Genitiv-s, welches in der englischen Entsprechung natürlich ebenfalls fehlt: Die Vorteile dieses Job-s.

Ist man auf Facebook zugegen und beabsichtigt dann auch noch über seine Facebook experience zu sprechen oder schreiben, tun sich eine Reihe Erste-Welt-Probleme auf. Neben den amerikanisch-englischen Begriffen, die Facebook seinen Usern täglich an den Kopf schleudert – Kommentare posten, Inhalte sharen, seinen Neewsfeed checken – gibt es ein Verb, welches allen anderen ganz nonchalant die Show stiehlt: das Verb like.

Täglich warten unsere müden Zeigefinger nur darauf,  den Gefälltmir- bzw. Like-Button inflationär zu betätigen. Wir liken. Wir liken – das hört sich eingedeutscht und schön an. So schön wie sich ein fetter englischer Begriff im Schlauchkleid der Eindeutschung eben anhören kann.

In der Zwischenzeit dürfen die anderen grammatischen Personen sowie andere Tempora nicht vergessen werden. Und hier wird es rather interesting. Versucht man das Paradigma durchzuspielen, versperren uns spätestens bei der Bildung des Partizips die Tore der deutschen Orthographie den Weg: Danke, dass du meinen Beitrag geliked hast? Geliket hast? Gelikt hast? Im WWW flattern alle drei Formen herum.
Was tun?

1. Geliked ist raus.
Die Endung –ed ist die am wenigsten geeignete. Deutsche Partizipien enden auf -en oder –t: Ich bin gefahr-en, ich habe gekauf-t. Das –ed in Ich habe geliked markiert die nicht-deutsche Herkunft des Verbes zu stark. Es verortet die Verbform unübersehbar im Englischen. Denn auch der größte Englischverweigerer erinnert sich zumindest in Grundzügen an das englische Simple Past – Because we all talked about it in school. And some of us even liked it.

2. Geliket ist besser.
Aus der oben angeführten Argumentation ergibt sich, dass ein finales –t eine bessere Lösung darstellt. Bleibt die Frage, was mit dem zweiten –e- geschieht, markiert dieses das Partizip doch weiterhin als fremd. Zumindest fällt mir kein deutsches Wort ein, in dem ein –e- vor einem End-t nicht mitgesprochen würde (ein –e– vor anderen Endkonsonanten kann durchaus entfallen: leben wird mündlich zu ‚lebn‘ (oder gar ‚lebm‘), dies gilt allerdings nicht für ein finales –t). Es bleibt also:

3. Gelikt.
Ja, es sieht falsch aus. Es entsteht der Eindruck, als würde ein c fehlen („gelickt“). In jedem Falle aber legt es eine Aussprache nahe, die sich auf dt. Delikt reimt. Here we go, nahezu auswegloses linguistisches Dilemma!

Das Verb liken ist im Wortschatz der Jüngeren verankert, ob uns das zusagt oder nicht. Es wird verwendet und es wird verwendet werden. Also ist es notwendig, das Verb nicht einfach herrenlos im Denglischirrgarten auszusetzen, bis es dort irgendwann ganz zerzaust, in arbiträrer Gestalt, von selber wieder herausgefunden hat.
Ein nach den Regeln der deutschen Rechtschreibung sinnvolles Ergebnis erhalten wir nur, wenn wir like selbstbewusst in leik umwandeln: Ich habe geleikt, du hast geleikt. Wir leikten, du leiktest. Geleikte Inhalte.

Und dann leiken wir unsere Kekse instead of liking our cakes.

And the rest is history, äh, future.

(Bildquelle: http://datachamp24.at)

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2 Gedanken zu “07 | Linguistisches Lament #1

  1. Ich denke auch, wir werden in zehn Jahren „geleikt“ schreiben, falls es das Wort dann überhaupt noch gibt (eher nicht). Und der zum Schluss erwähnte „Keks“ ist ja tatsächlich ein bahlsensches Kunstkonstrukt aus dem englischen „Cakes“ (aber wahrscheinlich wusstest du das schon und ich klugscheiße hier nur rum).
    Ansonsten: ich arbeite derzeit mit einigen Informatikern zusammen, und manch ein Satz aus deren Munde beinhaltet höchstens noch deutsche Füllworter: „Im Environment des Build-and-deploy-Managements auf dem Hudson-Checkpoint-Server commiten wir uns im Stakeholder-circle zu einem lessons-learned-Workshop… etceteritis…“

    Gefällt 2 Personen

  2. Ein schöner Artikel – der erinnert mich an unseren ersten Kontakt und die Gründe, dir eine Freundschaftsanfrage zu schicken: ein waches Interesse an Sprache und spannende Überlegungen dazu – auch das hat mich damals schon beeindruckt. 🙂

    Ich bin ein Silbenzähler, zugegeben – bei meinen eigenen Texten kannst du davon ausgehen: Ich habe mir an denen am meisten gearbeitet, die sich am schlichtesten lesen. 😉
    „Sharen“ ist für mich keine Option, weil nutzlos. „Teilen“ tut’s auch und ist nicht länger oder komplizierter.
    „Joggen“ find ich okay, weil es der Sprache was Neues gibt, „liken“ auch, weil ein guter und kurzer deutscher Ersatz fehlt, jedenfalls spontan.

    Bei deiner Vereinfachung folge ich dir bis „gelikt“. „Geleikt“ ist mir zu viel des Guten; ein wenig darf man die Fremdwort-Wurzeln ruhig noch merken. Genauso würde ich nicht „geliekt“ schreiben, sondern „geleakt“.

    Gefällt 1 Person

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