06 | Generation Y – Gen(erations)defekt mit Realitätsverlust

„Hey, ich bin Anna-Lena*, Autorin und Bloggerin. Außerdem Köchin, Alltagsheldin und Querdenkerin.“ – diese Eigenbeschreibung habe ich auf einem Blog entdeckt. Ich kenne Anna-Lena nicht, aber an Selbstwert scheint es der Guten nicht zu mangeln. Ich muss ihr Geburtsjahr nicht kennen, um zu wissen, dass Anna-Lena der sog. Generation Y – das sind zwischen 1980 und 1998 Geborene – angehört. Alltagsheldin. Querdenkerin. Nein, wir sind nicht einfach Luft-Atmer, Mit-Füßen-Läufer und Gedanken-Haber. Wir kochen nicht einfach Spaghetti, sondern wir sind Köche.

Einem Zeit-Artikel zufolge beschweren sich die Mitglieder der Generation Y darüber, dass sie in ihrer Arbeit „austauschbar“ sind. Was diese notenfixierten Selbstdarsteller, die Qualifikationen und Leistungsnachweise wie Panini-Bildchen sammeln, die sie stolz in ihr Stickerheft einkleben, zu einer solchen Aussage bewegt – oder berechtigt – ist mir unklar. Es ist so, als würde sich der Ameisenbär plötzlich über die Löcher, die er selber in die Ameisen- und Termitenhügel bohrt, beschweren. Dass diese Generation den Arbeitsmarkt revolutioniert, wie häufig angenommen wird, kann ich mir bei diesen Anerkennungsabhängigen mit Ego-Tunnelblick wahrlich nicht vorstellen.

Die Europäische Kommission hat vor einigen Jahren ein spezielle Lebenslaufvorlage entwickelt und rät Mitgliedern der EU, die sich in einem anderen EU-Land bewerben, diese Vorlage zu verwenden. Ich wundere mich, dass bisher noch keine auf die eckdatenbesessenen Generation-Y-ler zugeschnittene CV-Vorlage entworfen wurde. Diese stelle ich mir als ein beschreibbares pdf-Dokument mit Drop-Down-Menüs, also Auswahlmenüs mit unterschiedlichen Optionen, vor:  Im obligatorischen Abschnitt zum Absolvierten Auslandsaufenthalt lassen sich neben den Spitzenreitern Australien und Neuseeland auch Spanien, Südafrika, Sri Lanka sowie lateinamerikanische Länder auswählen; im Bereich Abgeschlossener Masterstudiengang enthält die Liste zusätzlich zu den Studiengängen Medienkommunikation und International Business Administration weitere very sophisticated klingende und selbstverständlich interdisziplinär ausgerichtete Studienfächer. Das Feld bezüglich der Englischkenntnisse dagegen kommt ohne Variablen aus – sie liegen selbstverständlich bei C1. Sprachen, die man aus strategisch-kaltem Kalkül erlernt hat – Arabisch, Chinesisch, Russisch oder Türkisch – können in einem anschließenden Freitextfeld eingetragen werden. Im letzten Abschnitt dieses CV-Formulars können zusätzliche Fragen zur Persönlichkeit beantwortet werden:
Bist du ein Querdenker? Ja.
Bist du ein Freigeist? Ja.
Ist Arbeit für dich mehr als nur eine Möglichkeit zum Geldverdienen? Absolut.
Was sind deine Pläne für die Zukunft? Als Präsident der USA eine diplomatisch-friedliche Lösung im Syrienkrieg finden.

Wer sich auf solche Weise als Maschine anpreist, hat das Recht auf Nichtaustauschbarkeit verloren. In wessen Persönlichkeit alle gängigen Programme wie Exzellentes Abi, Multiple Auslandserfahrungen, Soziales Engagement, Ausgezeichnete Sprachkenntnisse in mindestens drei Fremdsprachen fehlerfrei implementiert wurden, kann sich nicht ernsthaft darüber beschweren, dass vermutlich 97% der Leute seinen Job übernehmen könnten. Und an sich ist die Vorstellung, austauschbar zu sein, auch nicht problematisch. Sofern ausreichend Bereiche im eigenen Leben vorhanden sind, in denen die eigene Person eben keiner Austauschbarkeit unterliegt – zum Beispiel als Freund oder Freundin, Vater, Mutter, Schwester etc. pp., kurzum: als Mensch – kann oder sollte das Wissen um die eigene Austauschbarkeit im Job das Ego wohl kaum zum Sprung von der Brücke bewegen.

In einer Studie aus dem Jahr 2009 wurden Gen-Y-ler gefragt, was es bedürfe, damit sie sich an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass sich 60% dieser Generation täglichen Kontakt zu ihrem Vorgesetzten wünschen – das sind wesentlich mehr als in der Vorgängergeneration, der Generation X. Der gestresste Chef soll also tägliches Feedback geben. Verfügen Generation-Y-Kinder über einen Selbstwertakku, der spätestens nach einem Tag neu aufgeladen werden muss? Und was passiert, wenn dies nicht geschieht? Droht den Generation-Y-Leistungslemmingen dann der Abgrund? Offensichtlich haben die Eltern dieser Selbstwertbomben, während sie im Zweistundentakt mehrstimmige Hymnen über die Brillanz ihrer Kinder zum Besten geben, vergessen ihren Kindern Strategien zur Bewältigung von Selbstzweifeln mit an die Hand zu geben.

Ich frage mich, ob Millennials – so wird diese Kohorte auf Englisch genannt – schon einmal versucht haben, eine E-Mail perfekt zu formulieren, obwohl eine halbwegs perfekte Nachricht es auch getan hätte. Haben sie für eine Hausarbeit schon einmal aus Interesse mehr Fachliteratur rezipiert, als für eine mit 1.3 benotete Arbeit nötig gewesen wäre? Oder eine Sprache erlernt, weil sie den Klang mögen? Wer alltägliche Dinge nicht gelegentlich so ausführt wie ein Kalligraph, der behutsam seine Serifen nachzieht, und stattdessen denjenigem Bewunderung schenkt, der mit zweckorientierter Druckschrift schnell von A nach B kommt, der kann viele Nuancen schlichtweg nicht fokussieren, da sein Blick starr an dem Großen Ganzen in der Ferne haftet. Und er endet wie die Künstlerkarikatur in Noah Baumbachs While We’re Young. Darin gibt ein Generation-Y-Hipster vor, seinen authentischen Künstlerdrang ausleben zu wollen, indem er einen Dokumentarfilm dreht. Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass dessen Dokumentarfilmprojekt inszeniert und seine Rolle als intrinsisch motivierte Künstlerfigur nur gespielt war; sein Ziel bestand von Beginn an darin, auf schnellem Wege Ruhm zu erlangen.

Dass Leistung und Erfolg zunehmend als Selbstzweck gesehen werden, kommt in diesem authentisch gespielten Charakter auf sehr gelungene Weise zum Ausdruck. Auch die Millennials werfen mit Qualitätsprädikaten für die Beschreibung der eigenen Person so wild um sich wie Feiernde mit Konfetti. Dabei fußen die hervorragenden Englischkenntnisse beispielsweisedie sie in ihrem Bewerbungsschreiben anpreisen, nicht auf einer intensiven Auseinandersetzung mit den Feinheiten der englischen Sprache, sondern auf der Tatsache, dass sie sprachlich mäßig anspruchsvolle US-Sitcoms im englischen Original anzuschauen vermögen. Und ihre exzellenten Schreibfertigkeiten basieren auf drei Hausarbeiten, die ein wohlwollender, gestresster Dozent an einem Freitagnachmittag fix korrigiert hat und die im wissenschaftlichen Betrieb nicht einmal als Fußnote Verwendung fänden. The list goes on. Hier hat Mutti in der Vergangenheit wohl zu viele mit talentfreien Kinderhänden gezeichneten Kritzelbilder als Kunstwerke deklariert.

Es kommt nicht oft vor, dass ich mir wünsche billige amerikanisch-englische Rapperausdrücke im Alltag anzuwenden, aber hier würde ein Get real! nicht schaden.

Ich nehme an, Anna-Lena geht ab und zu auch zum Arzt, zum Amt oder erledigt andere Dinge dieser Art. Sag mir, Anna-Lena: Vereinbarst du noch Termine oder bist du schon Terminkoordinatorin?

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3 Gedanken zu “06 | Generation Y – Gen(erations)defekt mit Realitätsverlust

  1. Ich glaube unsere Generation wurde mit beidem sozialisiert, einmal so individuell wie möglich zu sein, und auch „du musst dich gut verkaufen“. Nicht nur auf Job Interviews, auch im echten Leben. Die, die beides am besten kombinieren, haben diese individuelle Angepassheit.

    Weil alles in Dichtonomien diskutiert wird, ist das Dilemma: Wenn wir das kritisieren, kommen reaktionäre Leute und sagen: Dann seid eben gar nicht individuell, duh.

    Und vielleicht ist es sprachlich etwas sehr deutsches, weil Komposita scheinbar Sachen präzise und casual beschreiben. Kaum jemand würde sich informell als „outside the box thinker“ bezeichnen. „Querdenker“ scheint weniger angeberisch zu sein, ist es aber nicht.

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  2. Anna-Lena ist mittlerweile schon von der Terminkoordinatorin zu Work-Life-Balancer-Managerin aufgestiegen.

    Das Verkaufsmodell der Generation hat einige Fehler und Macken, wie du bereits schön herausgestellt hast. Aber welche großartige Alternative hat die Generation in dieser Zeit? Man muss schon Querdenker mit Leib und Seele sein, sich verkaufen können und dabei noch authentisch sein, damit der Ypsiloner als Egotastiker und Realist zugleich nicht im Getümmel untergeht.

    Bin gespannt auf weitere Texte 🙂

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  3. Wenn man aus der Reihe tanzt dann siehts schlecht aus für einen, denn es wird mittlerweile erwartet. Also kämpft man sich durch und versucht sich nicht komplett zu verlieren. Von Berufseinsteigern wird die Berufserfahrung eines 50 Jährigen erwartet und Fehler sind teuer…

    Generation Y will vor allem perfekt sein. Aber schlussendlich wollen alle Generationen nur dasselbe: Glück und Ruhe.

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